Braus: Auch für diese Fälle sollte man vorher eine Regel vereinbart haben, etwa rechtzeitig, also vor Ablauf der Frist, eine Nachricht aufs Handy zu schicken. Wenn das nicht eingehalten wird, sollte es wieder eine Regel für die Konsequenz geben, etwa: "Die nächsten drei Wochenenden bist du schon um 23 Uhr zu Hause." Man muss das alles durchsprechen – und vorher üben: Schon der 13-Jährige sollte lernen, die Eltern kurz zu informieren, wenn sich am Stundenplan oder an der Trainingszeit etwas ändert. Und man muss sich auch selbst dran halten. 

ZEITmagazin Online: Haben Sie den Eindruck, dass es Eltern heute schwerer fällt, Regeln aufzustellen und einzuhalten? 

Pubertierende sind die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft
Dieter Braus

Braus: Sicher missverstehen manche Eltern Regeln als autoritär. Sie sollten jedoch erkennen, dass sich Kinder Regeln wünschen, weil sie Struktur geben, und Struktur gibt Sicherheit – gerade in Phasen der Unsicherheit, und das Leben der Pubertierenden ist ziemlich verunsichernd. Sie erleben unablässig Dinge, die sie nicht zuordnen können, und das in einer angsteinflößenden Welt mit Krieg und Klimawandel. Wenn sie dann auch noch das Verhalten der Eltern nicht zuordnen können, wühlt sie das zusätzlich auf. Falls die heute 30- bis 35-Jährigen ein bisschen Scheu vor dem Wort "Regeln" haben, können sie es ja anders nennen: "Abmachungen" oder "Deals". Gemeint sind strukturgebende Faktoren, die das Zusammenleben rhythmisieren, ritualisieren und dadurch letztendlich Stress reduzieren.  

ZEITmagazin Online: Ist jugendliche Selbstüberschätzung und Risikobereitschaft nicht auch großartig? Erfindungen, Entdeckungen, tolle Musik, Fridays for Future – all das geht oft von sehr jungen Menschen aus, die überzeugt sind, Großes bewirken zu können. 

Braus: In der Tat! Kreativität, die Fähigkeit, Grenzen zu überwinden, die Lust, neue Dinge auszuprobieren und andere Lösungen zu finden, stammen oft von Menschen zwischen zwölf und 25. Pubertierende sind die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft, und eigentlich bräuchten wir viel mehr von ihrem Innovationspotenzial. Unsere Alterspyramide ist jedoch kein Dreieck mehr, die unter 30-Jährigen bilden in Deutschland nicht mehr die überwältigende Mehrzahl. Das sind inzwischen die über 45-Jährigen. Damit schrumpft unser Innovationspotenzial. Länder wie Indien stehen in dieser Hinsicht viel besser da. Das ist auch der Grund, warum unsere Pubertierenden ein großes Problem haben. Egal ob Fridays for Future, Gendern, Veganismus – damit wollen sie deutlich machen: Wir grenzen uns gegen diese wohlstandsgesicherten Babyboomer ab! Wir wollen Veränderung! Doch um etwas zu verändern, sind sie eine viel zu kleine Gruppe. Die Babyboomer dominieren. Dieses Problem kann sogar eine Gefahr für eine Demokratie sein. 

ZEITmagazin Online: Was daran ist demokratiegefährdend? 

Braus: Wenn die Gruppe der Wähler ein bestimmtes Durchschnittsalter überschreitet, wird es bedenklich. Junge Menschen zwischen 15 und 19 denken vor allem in die Zukunft. Je älter Menschen werden, desto stärker denken sie an die Gegenwart. Dieses unterschiedliche Zeitgefühl ist biologisch vorgegeben und hat eine enorme Auswirkung auf Entscheidungen. Wenn ich – gefühlt – nur noch wenig Zeit vor mir habe, dann interessiert mich vor allen Dingen das Hier und Jetzt. Konkret: dass hier kein Windrad steht. Wenn ich hingegen noch viel Zeit vor mir habe, denke ich ganz anders, nämlich: Hier muss unbedingt ein Windrad hin!

ZEITmagazin Online: Zu wenig Jugendliche sind also nicht nur schlecht für die Rentenkassen? 

Braus: Man muss sich als Eltern oder älterer Mensch jedenfalls über das eigene Zeitempfinden bewusst sein, das in einem tickt. Eigentlich hat die Natur das Problem elegant gelöst: Wenn ich als Älterer viele Jugendliche um mich habe – beispielsweise Kinder oder später Enkel – bekomme ich ein Gefühl dafür, welche Vorstellungen von Zukunft sie haben. Wenn die Menschen heterogene Gruppen bilden, wird die biologisch vorgegebene und auch sinnvolle Gegenwartsbezogenheit der Älteren also abgemildert. Pflege ich den Kontakt jedoch nicht, sehe ich zum Beispiel meine Enkel und Enkelinnen nur zweimal im Jahr und lebe ansonsten in meiner eigenen Altersbubble, dann interessieren mich möglicherweise zwar Schiffsreisen oder gutes Essen, aber nicht der Zustand der Kita um die Ecke oder der Ausbau der Schule. 

ZEITmagazin Online: In der Pubertät kommt Eltern die wichtige Rolle zu, diejenigen zu sein, von denen sich die Jugendlichen abgrenzen können. Dafür wird man ihnen peinlich, sie halten einen für cringe oder lost. Wie erträgt man diese Rolle, und wie füllt man sie bestmöglich aus? 

Braus: Indem man sich zunächst klarmacht, dass das starke Gefühl der Fremdscham und das manchmal unangemessene Kommunizieren von Kritik zur Pubertät dazugehören. Wenn dann Worte fallen, die man nicht gerne hört, sollte man sich ein wenig ordnen und zum Beispiel sagen: "Okay, du schämst dich, weil ich Bermudas trage. Aber ich darf so rumlaufen und du mit grünen Haaren. Wenn du lieber Abstand hältst, in Ordnung." Man sollte unangemessene Kritik nicht als persönliche Kränkung auffassen, sondern als Ausdruck dieses Pubertätsvorgangs. Streit ist sogar oft ein Beziehungsangebot. 

ZEITmagazin Online: Pubertierende bieten über Streit Beziehung an? Können Sie das bitte für alle betroffenen Eltern erklären?